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Stand: 17.09.2018

Pressemitteilung

"Wir wollen raus aus dieser Obdachlosen-Stigmatisierung"

(Kaiserslautern, 9. September 2013). “Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie machen eine sehr gute Arbeit. Aber mir wäre es lieber, wenn wir Sie gar nicht bräuchten.“ Der rheinlandpfälzische Sozialminister Alexander Schweitzer besuchte am Montag das Caritas-Förderzentrum St. Christophorus in Kaiserslautern, um sich über die Arbeit der Wohnungslosenhilfe-Einrichtung zu informieren.

„So junge Gesichter, mein Gott, so junge Gesichter….“ Alexander Schweitzer zeigt sich bei seinem Rundgang durch die Einrichtung betroffen, vor allem von den sehr jungen Menschen, die er im Aufenthaltsraum im Übernachtungsbereich trifft. „Wo kommen Sie her?“, fragt er die jungen Leute. „Ich komme aus Trier.“ „Ich bin aus Köln, ich bleibe auch nicht hier. Bin nur auf der Durchreise“, bekommt er vereinzelt Auskunft. Ziel des Minister-Besuchs in der Caritas-Einrichtung ist in erster Linie, mehr über die Arbeit der Wohnungslosenhilfe zu erfahren. Dem Einrichtungsleiter Peter Lehmann liegt besonders die Jugendhilfe am Herzen, eine Wohngruppe für 16- bis 21-Jährige Männer und Frauen im St. Christophorus, das einzige vollstationäre Hilfeangebot in Rheinland-Pfalz. „Wir haben eine Warteliste und könnten viel mehr junge Menschen aufnehmen, als wir Plätze haben. Der Bedarf nimmt immer weiter zu“, so Lehmann.

Schweitzer hat keine Berührungsängste, setzt sich in der Abteilung für Wiedereingliederung zu zwei Männern an den Tisch, die ein 3000 Teile-Puzzle vor sich auf dem Tisch hatten. „Wie lange sitzen Sie da dran?“, will Schweitzer wissen. „Ein paar Wochen schon“, gibt einer der beiden Auskunft.  „Und wie lange leben Sie schon hier im St. Christophorus?“ „Schon fast sechs Jahre. Es ist gut hier. Es gefällt mir“, so die Antwort. Stockend dagegen das Gespräch in der Jugendhilfe. Zwei junge Männer sitzen in der Wohnküche auf dem Sofa. Einer hat einen Gipsarm.

 „Was ist Ihnen den passiert?“, fragt Schweitzer.

„Mmhhh… Klopperei…“, kommt die Antwort nur zögerlich.

„Und? Wer hat angefangen?“

 „Naja… beide irgendwie…“

 „Tut es noch weh?“

„Ja, schon…“

„Wie lange sind Sie schon hier?“

„Sechs Wochen.“

„Haben Sie eine Idee von Ihrem Leben, wie es so in fünf Jahren aussehen soll?“

„Nee… hab ich nicht…“

„Ich kann das so schwer verstehen, wie viel im Leben dieser jungen Menschen schon schief gelaufen sein muss, dass sie mit 16 Jahren hier in der Einrichtung aufschlagen“, sagt der Minister im Gespräch, das sich an den Rundgang anschließt. „Meine Tochter ist 15. Die Jugendlichen sind gerade mal 16. Was ist da so entsetzlich daneben gegangen?“

„Oft rufen bei uns Jugendämter freitagsmittags an“, erzählt der Sozialpädagoge Gerhard Hübner. „Die sagen dann, sie haben hier einen jungen Menschen, den nimmt keine Einrichtung mehr, der ist schon überall rausgeflogen. Dann kann er zu uns kommen. Wenn es kein Bett gibt, stellen wir noch ein Notbett dazu. Ich kann ja nicht sagen, dann soll er auf der Straße schlafen…“

Hübner beschreibt die Biographien von Jugendlichen, die schon im St. Christophorus waren: „Wir hatten einen jungen Mann bei uns, der war 15 Jahre alt und ist in 15 Jahren aus 15 Einrichtungen geflogen. Dem kann ich, wenn er zu uns kommt, nicht als erstes erklären, was er hier alles nicht darf, weil er sonst hier auch rausfliegt“, so Hübner. „Die Jugendlichen packen das nicht, die können in einem starren Regelwerk nicht leben.“ In Christophorus wähle man deshalb den umgekehrten Weg. „Es gibt hier nur ein paar wenige Regeln. Wir sagen zuerst, was die Jugendlichen dürfen. Wenn wir als letzte Anlaufstelle die Jugendlichen nicht von der Straße bekommen, drängen wir sie in die Kriminalität.“


Sichtlich erfreut übernahm Sozialminister Alexander Schweitzer als neunter Mann ein Geschenk des Hauses: ein Trikot der
Wohnungslosen- Fußballmannschaft „Lautrer Buwe“. Einrichtungsleiter Peter Lehmann (links) und Caritasdirektor Vinzenz du
Bellier freuten sich über das Interesse des Ministers an der Arbeit der Caritas.

Einrichtungsleiter Peter Lehmann zeigte anhand einiger Zahlen, dass die Not immer größer wird. „Wir hatten 2009 3654 Übernachtungen. Jetzt ist schon abzusehen, dass es bis zum Jahresende rund 14 000 sein werden. Wir sind seit Juni 2011 ununterbrochen überbelegt. Trotzdem schicken wir keinen weg.“ Wenn der eigene Anspruch der ist, die Leute nicht nur nachts von der Straße zu haben, sondern gemeinsam mit ihnen Perspektiven zu entwickeln und das Leben zu gestalten, müsse man auch tagsüber Angebote machen. Tagesstrukturierende Freizeitgestaltung gehört im Christophorus dazu. „Wir sagen, die Menschen hier, das sind unsere Kunden. Das sind Menschen, die ein Bedürfnis haben. Und wir begegnen ihnen wertschätzend“, beschrieb Lehmann das Selbstverständnis der Einrichtung.

Was wollen Sie mir mit auf den Weg geben? Was ist Ihnen wichtig?“, wollte Schweitzer nach etwa zwei Stunden intensiven Austauschs wissen.

„Es geht um die öffentliche Wahrnehmung. Die Wohnungslosenhilfe soll aus diesem tristen Obdachlosenmilieu heraus. Unsere Leute können was. Die spielen Fußball bei der Straßenfußballmeisterschaft. Wir haben sogar einen Nationalspieler“, will Lehmann eine Entstigmatisierung seiner Bewohner. „Wir werden öffentlich zunehmend positiv wahrgenommen hier in der Region.“

Aufmerksamkeit für die differenzierten Erfordernisse in der Wohnungslosenhilfe – das wünscht sich Einrichtungsleiter Lehmann von der Politik. „Wir haben ja auch immer mehr wirklich kranke Leute hier. Menschen mit psychischen Erkrankungen und Doppeldiagnosen, für die wir auch Gesundheitsfürsorge machen, sie zum Arzt begleiten, darauf achten, dass sie ihre Medikamente einnehmen.

„Ihr Thema ist mir auch ein Thema. Das sage ich Ihnen auf jeden Fall zu. Ich werde Ihre Arbeit und Ihre Einrichtung durch politische Aussagen unterstützen. Darauf können Sie sich verlassen“, sagte Alexander Schweitzer am Ende des Besuchs. Sichtlich erfreut nahm er ein Geschenk des Hauses, ein Trikot der Wohnungslosen-Fußballmannschaft „Lautrer Buwe“ mit der Nummer Neun und seinem Namen, entgegen.  

Herausgegeben von:
Caritasverband für die Diözese Speyer
Text und Bild:
Melanie Müller von Klingspor
Stabstelle Öffentlichkeitsarbeit
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