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Stand: 27.12.2021

Pressemitteilung

“Ich bin froh, dass ich meine Kinder in Sicherheit bringen konnte“

Hauptsache in Sicherheit! Das ist das vorherrschende Gefühl der 21 Menschen, die vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen sind und derzeit im Caritas-Förderzentrum St. Christophorus Zuflucht gefunden haben. Doch der Preis dafür ist hoch. Nahe-stehende Menschen, Hab und Gut, die vertraute Umgebung, ihr ganzes bisheriges Leben haben sie zurückgelassen, um den russischen Bomben und Raketen zu entgehen.

ukrainische Geflüchtete im Caritas-Förderzentrum St. Christophorus KaiserslauternDie Kinder von Elena Leluk, Anastasia und Michael, beim Kickern und in der Spielecke

Anastasia (11) und ihr Bruder Michael (5) lassen am Kickertisch die Bälle hin und flitzen. Zwei Kinder ins Spiel vertieft, nichts Ungewöhnliches, so scheint es. Und doch unterscheiden sich die beiden von anderen. Denn hinter ihnen liegen Wochen der Angst. Ihre Heimatstadt Charkiv in der nordöstlichen Ukraine wurde bombardiert, am Tag und in der Nacht. Schrecken, die auch ihrer Mutter Elena Leluk noch tief in den Knochen stecken.  "Nicht nur militärische Ziele werden angegriffen, sondern auch zivile. Eine Splitterbombe hat den Balkon an unserer Wohnung weggerissen", übersetzt Anna Neufeld. Sie ist Hauswirtschaftsleiterin in St. Christophorus und leistet wertvolle Dienste als Dolmetscherin.  "Wir haben uns in den Räumen, die keine Fenster mehr haben, versteckt", sagt Elena Leluk. Die Situation spitzt sich zu als auch noch Panzer durch die Stadt rollen und Tage ohne Lebensmittel vergehen. "Das war einfach zuviel, ständig die Angst, der Hunger und die psychische Belastung. Da haben wir spontan beschlossen, alles hinter uns zu lassen. Innerhalb von 20 Minuten haben wir das Nötigste gepackt und sind los." 

ukrainische Geflüchtete im Caritas-Förderzentrum St. Christophorus KaiserslauternDie Gruppe in der gut gefüllten Kleiderkammer. Vorne Peter Lehmann mit dem kleinen Michael, hinter ihm Hauswirtschaftsleiterin Ann Neufeld, auf ihrer linken Seite Elena Leluk.

Zusammen mit Anastasia, Michael, ihrer 22-jährigen Tochter Maryna und ein paar weiteren Frauen aus dem privaten Umfeld macht sie sich auf den Weg Richtung Westen. Ehemänner lassen sie nicht zurück, denn alle sind verwitwet.  Ihr gemeinsames Ziel ist Deutschland.  "Hier haben wir Verwandte." Viereinhalb Tage ist die Gruppe unterwegs, ohne Schlaf, mit großen Strapazen. 23 Stunden mit dem Zug zur polnischen Grenze, dort heißt es noch einmal zwölf Stunden zu warten. Wie ein Damoklesschwert hängt die Angst über ihnen, doch noch Opfer von Bombenangriffen zu werden, da das russische Militär selbst Flüchtlingsrouten ins Visier nehme. Bis die Gruppe Kaiserslautern erreicht, hat sie über Warschau, Berlin, Frankfurt und einige Auffanglager eine Odyssee hinter sich. Belastet von Erlebnissen und Bildern, die ungleich mehr wiegen als das wenige Gepäck. 

21 ukrainische Geflüchtete sind aktuell im Förderzentrum St. Christophorus untergebracht. "Es waren auch schon knapp 30", sagt Einrichtungsleiter Peter Lehmann. "Eine Familie hat auf unserem Wilensteiner Hof bei Tripstadt Quartier bezogen, eine konnte in eine private Wohnung umsiedeln, drei Personen wurden bei Verwandten aufgenommen und zwei von einem unserer Mitarbeiter." Allzu deutlich erinnert er sich, als er die ersten Frauen und ihre Kinder am Bahnhof abgeholt hat. Das sei auch für ihn selbst ein sehr emotionaler Weg gewesen.  "Wir bemühen uns, den Menschen in unserem Haus ein kleines Stück Heimat zu bereiten. Dafür legen sich alle Mitarbeitenden schwer ins Zeug. Sie leisten enorm viel, auch nach Feierabend und am Wochenende. Der Krieg ist nahegekommen, da ist man solidarisch."

Da das Haus bereits fast vollständig mit wohnungslosen Männern und Frauen belegt ist, wurde im Untergeschoss ein großer Raum hergerichtet, mit Betten und allem Nötigen. Selbst eine Spielecke für die Kleinen fehlt nicht. "Viele Dinge haben wir den Spenden zu verdanken, mit denen uns die Leute geradezu überschütten. Die Hilfsbereitschaft ist wirklich unglaublich." Sichtbarer Beweis sind die Kisten, Kartons und Säcke, die sich im Flur bis fast zur Decke stapeln. Denn in die Kleiderkammer passt nichts mehr. Auch sie ist zum Bersten voll, mit Kleidung, Schuhen, Hygieneartikeln, Babykost, Windeln und vielem mehr. 

"Alles, was ich anhabe, ist auch von hier", lässt Elena Leluk übersetzen. "Ich habe nur etwas für die Kinder eingepackt, ich hatte nicht mehr als das, was ich am Leib getragen habe."  Umso dankbarer sei sie, so gut aufgenommen zu werden. "Das gibt einem das Gefühl, dass man dazu gehört."  
Dafür geben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von St. Christophorus ihr Bestes. "Wir beziehen sie in vieles ein, lassen sie mithelfen, wenn sie möchten", sagt Anna Neufeld.  "Außerdem hilft ihnen die feste Tagesstruktur im Haus, etwas zur Ruhe zu kommen", so Lehmann. "Die Kinder haben sich einigermaßen erholt, nur die vielen Flugzeuge, die von Ramstein kommen und gehen, haben ihnen anfangs etwas Angst gemacht. Aber jetzt wissen sie, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht."

Auch wenn die Einrichtung nur eine Übergangslösung ist, gibt es viel zu tun. "Wir unterstützen die geflüchteten Menschen bei der Registrierung und allen nötigen bürokratischen Vorgängen."
Bis eine andere Bleibe gefunden ist, sollen sie sich in der Logenstraße so wohl wie möglich fühlen. Und so steht demnächst ein kostenloser Friseurbesuch für die Frauen an. Für die Zuwendung möchten sich diese revanchieren und mit Borschtsch ein typisch ukrainisches Gericht auf den Tisch bringen. Vielleicht zum 48. Geburtstag von Elena Leluk Ende des Monats. Ihn wird sie fern der Heimat begehen. Ohne ihren Vater, der in der Ukraine zurückgeblieben ist. Aber vielleicht mit der Hoffnung, dass alles gut wird.
"Sollten die Frauen mit ihren Kindern irgendwann zurück in die Ukraine können und wollen, werden wir sie hinfahren", stellt Peter Lehmann in Aussicht. Aber daran mag Elena Leluk noch nicht denken. "Ich bin so froh, dass ich meine Kinder in Sicherheit bringen konnte." 

Text und Fotos: Friederike Jung für den Caritasverband für die Diözese Speyer

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